Diagnose:
- In Spielsituationen gibt’s oft “Pulksport”: viele orientieren sich stark am Ball, wollen ins Geschehen rein, die Abstände werden eng.
- Breite und Tiefe sind selten besetzt, das Feld wird im Ballbesitz nicht groß genug.
- Ohne Ball passiert wenig: zu wenig Freilaufen/Anbieten, zu wenig “ballfern breit bleiben”, zu wenig Absicherung hinter dem Ball.
- Coaching von außen zielt (logischerweise) auf den Ballführenden (“zieh”, “geh”, “setz dich durch”). Das hilft beim Einsatz, aber weniger beim Spielverständnis/Entscheidungstempo.
Einschätzung dazu:
Das ist alterstypisch – nicht zwingend ein Talentproblem – eher ein Wahrnehmungs-/Orientierungsproblem. Viele “sehen” in dem Moment nur den Ball. Wenn man es aber über clevere Regeln im Training erzwingt, lernen sie das sehr schnell: Breite halten, vorher scannen, nach Ballverlust sofort reagieren.
Um hier eine Änderung herbeizuführen, müssen zunächst einmal drei Dinge systematisch geschult werden:
- Raumgefühl,
- Orientierung vor der Ballannahme
- Spiel ohne Ball.
Und das geht nur über Spielformen, nicht über Taktiktafeln.
Erstens: Das Feld sichtbar machen.
Viele D-Jugendliche haben keine echte Vorstellung von Breite und Tiefe. Bau im Training Zonen ein. Markiere mit Hütchen äußere Korridore und sage: Ein Tor zählt nur, wenn vorher mindestens einmal über außen gespielt wurde. Oder: In jedem Angriff muss mindestens ein Spieler im ballfernen Korridor stehen. Nicht erklären, sondern erzwingen. Kinder lernen über Regeln.
Zweitens: Überzahlspiele als Standard.
3 gegen 1, 4 gegen 2, 5 gegen 3 – aber mit klarer Coaching-Regel: Wer den Ball bekommt, muss vorher über die Schulter geschaut haben.
Du kannst das sogar ritualisieren:
Wenn du merkst, einer nimmt blind an, sofort unterbrechen: „Was war hinter dir?“ Nicht meckern. Nur fragen. Gehirn anschalten!
Die „Geschwindigkeit im Kopf“ entsteht nicht durch Schnelligkeit, sondern durch Vororientierung. Das kannst du trainieren wie Technik.
Drittens: Spiel ohne Ball sichtbar machen.
Ich habe früher oft folgendes gemacht:
Ein Trainingsspiel, aber Tore zählen doppelt,
- wenn der Torschütze vorher die Position gewechselt hat.
- Oder wenn der Passgeber nach dem Abspiel sofort eine neue Linie anbietet.
Du belohnst Bewegung ohne Ball!
Oft wird ausschließlich der Ballführende gecoacht
Das ist ein verbreitetes Missverständnis. 80 % des Coachings muss an die ohne Ball gehen. „Breit!“, „Tief!“, „Raus aus dem Schatten!“, „Dreh dich auf!“ – die Kommandos müssen kurz, klar, wiederholend sein.
Viertens: Kleine Spielformen mit maximal 2 Kontakten
Das zwingt sie zum Denken vor dem Ballkontakt. Und du siehst sofort, wer sich orientiert.
Nachfrage nach Grundordnung und Training: 2x die Woche – 9er-Feld
Gut. 2x Training, 9er-Feld – überhaupt D-Jugend: das ist eine spannende Phase. Da kippt Fußball langsam vom „Ball jagen“ in Richtung „Spiel verstehen“. Wenn man es sauber begleitet, passiert in diesem Alter enorm viel. Wenn nicht, bleibt es beim von dir beschriebenen Pulken!
Im 9er hast du plötzlich echte Räume.
Breite wird relevant. Tiefe wird relevant. Und Abstände werden entscheidend. Das ist für D-Jugendliche erstmal kognitiv anspruchsvoll. Daher noch einmal: weniger Inhalte, klarere Prinzipien, viel Wiederholung.
Ich würde es so denken:
Erstens: Ein fixes Grundgerüst geben.

Kein starres System, aber Orientierung. Zum Beispiel ein 3-3-2 im 9er. Drei hinten breit, drei im Mittelfeld mit klaren Halbpositionen, zwei vorne mit unterschiedlicher Aufgabe (einer eher tief startend, einer verbindend). Kinder brauchen Positionen wie Ankerpunkte. Wenn sie wissen, wo ihr „Zuhause“ ist, trauen sie sich auch, es zu verlassen.
Zweitens: BREITE ERZWINGEN.
Im Training Spielformen im 6 gegen 6 oder 7 gegen 7 auf fast voller Breite, aber mit Regel: Außenspieler dürfen die Zone nicht verlassen, bevor der Ball in ihrer Hälfte ist. Klingt simpel, verändert aber sofort das Bild. Das Feld wird groß, die Passwege öffnen sich, die Kinder merken selbst, wie viel einfacher es wird.
Drittens: RESTVERTEIDIGUNG FRÜH ANBAHNEN.
Im 9er fangen die ersten echten Konter an. Viele D-Jugend-Teams stehen bei eigenem Angriff mit acht Spielern vor dem Ball. Dann geht einer verloren und alle drehen sich panisch um.
Regel im Training: Bei eigenem Ballbesitz bleiben immer mindestens zwei hinter dem Ball. Immer! Das kann man sogar visuell markieren („Sicherungszone“).
Viertens: UMSCHALTMOMENT TRAINIEREN.
Kurze Spielformen, Ballverlust = 5 Sekunden Gegenpressing, danach Rückzug. Nicht erklären, sondern Countdown laut mitzählen. Kinder lieben das. Und sie entwickeln ein Gefühl für „jetzt schnell reagieren“.
Fünftens: KOPFGESCHWEINDIGKEIT.
Ich würde in jeder Einheit 10 Minuten „Scan-Training“ einbauen. Zum Beispiel: 4 gegen 2 in einem Quadrat, außerhalb stehen zwei farbige Hütchen. Vor jeder Ballannahme ruft der Trainer eine Farbe, der Ballannehmer muss sie zeigen, bevor er spielt. Das zwingt sie, den Kopf zu heben. Klingt banal, wirkt aber.
Allgemeiner Fahrplan (3–6 Wochen, wenig, aber konsequent):
Ich würde mit zwei Einheiten pro Woche vor allem drei Kernprinzipien trainieren – und die immer wiederholen, statt jede Woche ein neues Thema:
- Im Ballbesitz: Feld groß machen (Breite + Tiefe, Abstände)
- Gegen den Ball: Feld klein machen (kompakt bleiben, absichern)
- Kopf hoch / Vororientierung: vor der Ballannahme schauen (“Scan”)
Wichtig: Das geht am besten über Spielformen mit klaren Regeln, nicht über lange Erklärungen.
Vorschlag für das Coaching im Abschlussspiel:
Vielleicht könnten wir im Trainingsspiel mal testweise den Coaching-Fokus drehen:
- Weniger “Aktionen” beim Ballführenden coachen,
- dafür mehr Kommandos an die Spieler ohne Ball: “breit”, “tief”, “biete dich an”, “raus aus dem Schatten”, “wer sichert?”, “umschalten!”
- Und 1–2 kurze Freeze-Momente: alle bleiben auf Kommando stehen, kurzer Blick: “Wie breit sind wir? Wer ist anspielbar? Wer sichert, wenn wir den Ball verlieren?”
Erste konkrete Einheitsskizzen (so dass man es direkt ausprobieren kann)
Einheit A – Schwerpunkt Breite (Feld groß machen)
- Aufwärmen (10 Min)
- “Pass & Move” in Gruppen, aber mit Pflicht: nach jedem Pass Position wechseln (nicht stehen bleiben).
- Coaching: “nach Pass sofort neuen Raum suchen”.
- Hauptteil 1: Überzahl-Rondo (12–15 Min)
- 4 gegen 2 oder 5 gegen 2, je nach Anzahl.
- Regel: vor Ballannahme einmal “über die Schulter” schauen (kurz anfordern: “Was war hinter dir?”).
- Ziel: Vororientierung spielerisch.
- Hauptteil 2: Spiel mit Außenkorridoren (20 Min)
- Feld über fast volle Breite, zwei Außenkorridore mit Hütchen markieren.
- Regel: Tor zählt nur, wenn der Ball vorher in einem Außenkorridor war (oder: mindestens ein Pass nach außen pro Angriff).
- Optional: 1–2 Spieler als “Außenspieler” fest, die im Korridor bleiben müssen (macht Breite sichtbar).
- Coaching: vor allem ballfern: “bleib breit”, “nicht zum Ball ziehen”, “Geduld”.
- Abschlussspiel (10–15 Min)
- gleiche Regel beibehalten (Tor zählt nur nach Außenpass).
- 1–2 Freeze-Momente, max. 10 Sekunden, dann weiter.
Einheit B – Schwerpunkt Umschalten (nach Ballverlust)
- Aufwärmen (10 Min)
- Fangspiel mit Ball: Team A passt, Team B “stört” – bei Ballverlust sofort Rollenwechsel.
- Hauptteil: 5-Sekunden-Regel (20–25 Min)
- Freies Spiel (z.B. 6v6/7v7), aber: nach Ballverlust muss das ballverlustige Team 5 Sekunden sofort attackieren (Gegenpressing). Danach: Rückzug in Kompaktheit.
- Ihr zählt laut runter (“5-4-3-2-1”), das ist für die Kids super greifbar.
- Ziel: Reaktionsschnelligkeit + Ordnung nach Chaos.
- Absicherung/Restverteidigung als feste Regel (10 Min)
- Im Ballbesitz bleiben immer mindestens zwei Spieler hinter dem Ball.
- Das kann man auch als “Sicherungszone” markieren.
- Coaching: “wer sichert?”, “nicht alle vor den Ball”.
- Abschlussspiel (10–15 Min)
- gleiche Regeln: 5 Sekunden Druck + 2 hinterm Ball.
Einheit C – Schwerpunkt Kopfgeschwindigkeit (Vororientierung + schnell entscheiden)
- Hauptteil (20 Min): Spiel auf 2 Kontakte (situativ)
- In der eigenen Hälfte max. 2 Kontakte (oder in einer Zone max. 2 Kontakte).
- Optional: Wenn’s zu wild wird, kurz zurück auf 3 Kontakte.
- Ziel: Kopf hoch vor Annahme, besseres Freilaufen.
- Abschlussspiel (15 Min)
- Regel bleibt: 2 Kontakte in Zone + Coaching nur “ohne Ball”.